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Hofrat Prof. Dr. Walter Koschatzky
ehem. Direktor der Albertina
Die Meister der Wiener
Vedute
Das künstlerische Erfassen der Wirklichkeit hatte
durch die Jahrhunderte als eine der
wichtigsten Aufgaben der Bildkünste gegolten und
so fesselnde Erinnerungen an längst
vergangene Zeiten für Nachwelt und Zukunft bewahrt.
Im Besonderen suchte man Ansichten
der schönsten und berühmtesten Städte
festzuhalten und zu verbreiten, war dies doch auch
bis zur Erfindung der Photographie die einzige Möglichkeit,
die Kenntnis edler Bauwerke und
berühmter Stätten überhaupt an Menschen
heranzubringen. Da stand gewiss zu allererst Rom
im Blickfeld, die Ewige Stadt, Sitz der Christenheit,
Erbe antiker Größe, durch Jahrhunderte Ziel
der Pilgerzüge wie dann von Gelehrten und Reiselustigen.
Von Claude Lorrains Campagnastimmung zur englischen
Aquarellmalerei bis hin zu deutscher
Romantik spannt sich ein Bogen größter Meisterschaft.
Doch nicht minder gab Florenz oder das
unvergleichliche Venedig die edelsten Motive ab. Ereignisse,
wie die Begegnung Dürers mit
Jacopo de Barbari, dem Verfasser jenes Meisterwerkes
der Ansicht von Venedig aus der
Luftperspektive (Albertina), sind Schlüsselpunkte
der Kunstgeschichte.
Mit dem in Italien aufgekommenen Humanismus trat die
Wirklichkeit in den Mittelpunkt, ihr
Erkennen, Vergleichen, Verbreiten wurde programmatisch
und führte zu Sammelwerken von
Ansichten, wie sie die Schedel´sche Weltchronik
von 1493 in Nürnberg als großartigster Auftakt
eingeleitet hatte. Der junge Dürer hatte daran
mitgearbeitet und danach mit seinen Aquarellen
von Innsbruck (Albertina) die ersten Höhepunkte
der Aquarellkunst schlechthin geschaffen.
Die berühmten Einblicke in das mittelalterliche Wien
um 1470 in den Tafeln des Meisters des
Schottenaltars gingen einer nie mehr abreißenden
Fülle von meisterlichen Ansichten der
Kaiserstadt voran. Im Bewusstsein der Weltsicht bedeutet
dies einen Wendepunkt höchster
Bedeutung. So lässt uns der Künstler des Bildes
Friedrichs des Streitbaren von 1489/93 in Stift
Klosterneuburg ungemein eindrucksvoll das mittelalterliche
Wien eben so begreifen wie si
Antonio da Bonfini, Historiograph des Matthias Corvinus,
um 1480 als "wahre Märchenstadt"
beschrieben hat. Auch Graphik entfaltete sich, der "Meldeman´sche
Rundplan" von 1530 etwa
(Historisches Museum der Stadt Wien) oder die Europa beunruhigende
Darstellung der
Türkenbelagerung von 1529 (deren schönste: die
Federzeichnung des Wolf Huber von 1530 in
der Albertina) fanden reiche Nachfolge bis hin zu J. Hoefnagels
Stich von 1609, dann zur
unvergleichlichen Vogelschauansicht des Daniel Huber von
1769/70 (die Federzeichnung als
Vorlage für den berühmten Kupferstich in der
Albertina!) und schließlich zu den beiden wichtigsten
Vedutisten Wiens, Carl Schütz und Johann Ziegler,
deren Aquarelle als Vorlage
für ihr graphisches Hauptwerk der berühmten
kolorierten Ätzradierungen "Vues de la ville
de
Vienne" seit 1799 bei Artaria, man wohl zu den besonderen
Zimelien zählen darf. Dass auch
dafür schon, doch mehr noch für die weitere
Entfaltung der Stadtvedute ein entscheidender
Anstoß von den Gemälden ausgegangen war, die
der Venezianer Bernardo Belotto
(gen. Canaletto) 1759/60 in Wien geschaffen hatte, ist
eindeutig. Die Schütz-Zieglerserie
wurde noch durch Generationen immer wieder neu aufgelegt,
wobei der Reiz der späteren
Auflagen darin besteht, dass man immer von neuem die so
zahlreich das Stadtbild belebenden
Staffagen der jeweiligen Mode nach angepasst und verändert
hat.
Doch nichts von allem kann an das Lebenswerk heran,
das Rudolf von Alt (1812 - 1905) von
1830 an in den sieben Jahrzehnten seines langen Lebens
geschaffen und hinterlassen hat.
In unerschöpflicher Arbeitslust und Liebe zu seiner
Heimatstadt hat er vom Stephansdom an die schönsten
Blicke gefunden und "porträtiert". Dass
er ein genialer Künstler mit dem
Aquarellpinsel war, gibt eben seinen "Veduten"
den höchsten Rang. Alt wurde Vor- und Leitbild
und es ist um so eindrucksvoller, wie mehr und mehr
junge Kräfte im Erfassen der Wiener
Vedute ihm folgten. In oftmals besonders einfühlsamen
Blicken auf Straßen, Plätze und die
prächtigsten Bauwerke schufen sie in Überfülle
unschätzbare Dokumente von Alt-Wien, die
jeden Freund dieser herrlichen Stadt für immer
erfreuen können.
Zu den wichtigsten Vedutisten hat man Erwin August
Pendl (1875 - 1945) zu zählen, der einer
generationenlangen südtiroler Künstlerfamilie
entstammend, zum Schilderer der Kaiserstadt wurde. Friedrich
Frank (1871 - 1945) wiederum stammte aus Oberösterreich,
studierte Theatermalerei und eben dies gab seiner besondere
Raum- und Lichtwirkungen einbeziehenden Malerei ihren
eigenen Reiz. Ebenfalls von der Theatermalerei kam der
Wiener Franz Poledne (1873 - 1932), der in frischer,
oft unakademischer Weise seine Ansichten der Stadt schuf.
Aus Sachsen war Ernst Graner (1865 - 1943) nach Wien
gelangt, hatte hier an der Akademie
studiert und war, seit er 1890 zum erstenmal erfolgreich
ausstellte, zum wohl bekanntesten
der Malergruppe geworden. Und wohl nicht zuletzt gehört
Carl Wenzel Zajicek (1860 - 1923)
genannt, der die so reizvolle Gruppe der Vedutisten
mit einem ganz außerordentlich
beachtlichen Oeuvre bekrönte. Dem Liebhaber der
reifen Kunst Wiens im 19. und frühen
20. Jahrhundert kann diese Reihe meisterhafter Schilderer
von Zeit und Stadt wahrhaft vieles geben.
Edition Szaal, Alt Wiener Veduten, Wien 2002
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